Aus aktuellem Anlass dokumentieren wir ein Infoblatt der “Initiative gegen Rassismus und Ausgrenzung”. Das vollständige Interview mit dem Schüler ist am kommenden Dienstag, den 3. Juli 2007 im Rahmen einer Sendung von Radio-AJZ auf der Frequenz 97,6 und 98,3 Mhz (Radio Bielefeld) um 20.04 Uhr zu hören.

Offensichtlich herrschen am Wilhelm- Normann-Berufskolleg in Herford untragbare Zustände. In einer Sendung des Bielefelder Bürgerfunks (Radio AJZ) berichtet ein Schüler von offenen rassistischen und sexistischen Verbalattacken seiner Mitschüler, vom Hitlergruß bis zu dem Absingen von Neonazi-Liedern sowie (im Hinblick auf Menschen mit Migrationshintergrund) dem Ruf nach einem neuen Holocaust. Auf Fluren des Kollegs werden weibliche Auszubildende mit sexistischen Sprüchen und Macho-Gehabe konfrontiert. Statt gegen solche Zustände wirkungsvoll vorzugehen, scheinen Teile des Lehrkörpers gründlich überfordert.


Dass die Schule sich auf ihrer Homepage (www.wnbherford.de) zum Ziel gesetzt hat, die Schülerinnen und Schüler zur Toleranz gegenüber Menschen “anderer Nationen” zu erziehen, scheint nicht nur zurückgeblieben formuliert (”Nation” von lat. “natio”: ‘Geburtsgemeinschaft’), sondern auch im innerschulischen Einsatz misslungen. Im Interview wird sogar berichtet, dass ein Lehrer seinen Unterricht dazu benutzte, Vorurteile gegenüber MigrantInnen aus Russland zu schüren. Die Atmosphäre von Rassismus und Ausgrenzung bringt andersdenkende SchülerInnen an den Rand der Entscheidung, ihre Ausbildung abzubrechen.

Hitlergruß im Unterricht

Der Schüler, dessen Anonymität vom Bürgerfunk aus guten Gründen geschützt bleibt, berichtet:

“In öffentlichen Räumen, im Treppenhaus, im Flur und auf dem Schulhof (wurden) Sprüche abgelassen und Lieder gesungen von rassistischen Bands. Das war ziemlich laut, so dass andere Schüler das mitkriegen konnten. Dann ist das auch in den Unterricht eingeflossen. Ein Schüler hat einen Hitlergruß gemacht zu einer Lehrerin, als er neben ihr stand. Sie hat das halt nicht mitgekriegt.”

“Es sind so um die zehn Schüler. Ein Beispiel für deren Gesinnung war, dass sie sich über ausländische Mitbürger aufregten, die vorbeigingen und sagten, dass die alle weg sollten, dass sie in Deutschland nichts zu suchen hätten, und sie entwickelten dabei Gewaltphantasien. In einer Unterrichtsstunde wurde laut gesagt, man solle die ‘Ausländer’ in Viehwagen packen und nach Westfleisch (eine Großschlachterei) schicken… Diese Äußerung kann man mit Konzentrationslagern in Verbindung bringen.”

“Auf den Fluren wurden Mädchen sexistisch angemacht und zu einer vorbeigehenden Muslimin mit Kopftuch meinte man, sie sollte dahin gehen, wo sie hergekommen sei, sie hätte hier nichts zu suchen. Mir geht es (wegen dieser menschenfeindlichen Atmosphäre) ziemlich schlecht. Ich hatte Hilfe in der Schule (bei Lehrkräften) gesucht, aber dabei kam nichts heraus. Da spielte ich mit dem Gedanken, die Schule zu wechseln oder die Ausbildung abzubrechen.”

“Ich halte es für wichtig, dass die Lehrkräfte (den Rassismus und Sexismus) offen in der Schule ansprechen. Dass darüber diskutiert wird und die Schüler merken, dass deren Verhalten falsch ist. Aber vor einiger Zeit lief es genau anders herum. Da (referierte) ein Lehrer über ‘Russlanddeutsche’ und ‘Diebstähle’, dabei wurde die Denkweise (der Nazis) bestätigt, dass ‘Ausländer’ bzw. Menschen, die nicht in das ‘deutsche Bild’ passen, kriminell sind. Ich finde das Verhalten des Lehrers schon sehr fragwürdig … (Ein anderer Lehrer) meinte, ich solle mich um das Problem (mit den Nazis) selbst kümmern, weil ich mehr Einblick hätte. Ich sollte auf die Leute zugehen und ihnen sagen “So nicht”. Aber was soll man als Einzelperson gegen eine Gruppe machen, wenn die meisten anderen den Mund halten? Als Alleinstehender fühle ich mich da doch machtlos.”
(Auszüge aus dem Interview)

Wir fordern:

  • Massives Eingreifen der Schule und des Lehrkörpers gegen alle rassistischen und sexistischen Äußerungen. Kein Wegsehen und Weghören mehr!
  • Widerstand der SchülerInnen gegen jegliche Art von Rassismus und Sexismus. Unterstützt euch gegenseitig! Bildet Netzwerke gegen Rassismus!
  • Wer die Würde anderer Menschen verletzt, hat an einer Ausbildungsschule nichts verloren (das gilt für SchülerInnen und LehrerInnen gleichermaßen)!
  • Wir fordern die Öffentlichkeit und Presse auf, sich dauerhaft dem Thema zu widmen. Rassismus ist nicht nur eine Sache einiger organisierter Nazis, sondern Bestandteil der (konkurrenzorientierten) Gesellschaft.