Pogrom in Mügeln (Sachsen) - Polizei zweifelt an rassistischen Hintergrund - AntifaschistInnen demonstrieren spontan
verfasst am 29.08.2007
In der Nacht zum Sonntag, dem 19. August 2007, hetzten 50 Deutsche acht Inder während eines Stadtfestes über den Marktplatz der Kleinstadt Mügeln, traten und schlugen auf sie ein und verletzten sie schwer.
Dabei skandierten sie „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ und „Hier reagiert der nationale Widerstand!“. Ihre Opfer flüchteten in ein Gebäude, der rassistische Mob versuchte es zu stürmen. Ein Großeinsatz der Polizei beendete schließlich die Ausländerhatz.
Einen rassistischen Hintergrund sieht man bei der Polizei nicht zwingend gegeben, ein Sprecher sagte, man ermittle derzeit „in alle Richtungen“. Und der Bürgermeister von Mügeln, Gotthard Deuse, wird später in einem Presseinterview sagen: „Solche Parolen können jedem mal über die Lippen kommen.“
Wie es genau zu diesen Jagdszenen kam, ist noch unklar. Selbst wenn es „auswärtige Rechtsradikale“ waren die im Festzelt einen Streit anzettelten, so wuchs die Gruppe doch innerhalb kürzester Zeit zu einem 50-köpfigen Lynchmob an, der unter den Augen und dem
vereinzelten Applaus der Mügelner Bevölkerung die rassistische Hetzjagd begann und auch nicht aufhörte, als die blutenden Opfer die Pizzeria, in der sie sich flüchteten, verbarrikadierten.
Diese Zeit muss der reine Horror gewesen sein: Johlend versammelt sich die wütende Meute der Deutschen vor dem Lokal, droht mit dem Sturm des Restaurants. Sie beginnen die Tür zum Hauseingang einzutreten und als ihnen dies nicht gelingt, nehmen sie ein am gegenüberliegenden Rathaus herausgerissenes Kellerfenstergitter zu Hilfe. Scheiben gehen zu Bruch. Derweil versucht der Mob durch die Hintertür in das Gebäudeinnern zu gelangen,
das Auto des Pizzeria-Besitzers wird demoliert. Zahlreiche Schaulustige beobachten das brutale Treiben, einige klatschen, niemand greift ein. (Alle waren sie da, ganz Mügeln war auf den Beinen, es war ja schließlich Stadtfest: „Jeder, der nicht im Urlaub war, war da“, so eine Mügelner Bürgerin am Tag danach. Eine andere sagt gegenüber der Presse , dass es nur eine Frage der Zeit gewesen sei bis soetwas passiert.) Nach über einer viertel Stunde beenden 70 Bereitschafts-Polizisten den Mügelner Volksaufstand. Festnahmen gibt es an diesem Abend keine.
Und wenn der Bürgermeister von Mügeln beteuert dass es in seiner Stadt keine Rechtsradikalen gebe, dann spielt dies für das Geschehene überhaupt keine Rolle, denn (organisierte Neo-)Nazis braucht es nicht um gegen „Ausländer“ zu hetzen, sie zu jagen, anzugreifen und niederzustrecken.
Das war es auch, was einen Tag nach dem Bekanntwerden des Pogroms, dem 21. August 2007, über 200 AntifaschistInnen mit einer Spontandemonstration in Mügeln deutlich machten: „Das Problem heisst Rassismus!“ stand auf ihrem Leittransparent (siehe auch Indymedia und Spiegel Online).
Und die Antwort der PolitikerInnen? Wenig überraschend, eine Konferenz und Programme gegen Rechtsextremismus, mal wieder eine Diskussion um ein NPD-Verbot und der offen geäußerte Wunsch nach Begrenzung des Imageverlusts für den Standort Sachsen/ Deutschland. Nicht dass wir etwas anderes erwartet hätten…
Was bleibt? Aus aktuellem Anlass vor Lichterketten zu warnen (Cafe Morgenland, 2003) und auf zwei weitere Artikel zu verweisen, der eine polemisch darüber, wie die Stadt Mügeln ihren Ruf retten will (RP-Online), der andere bitter ernst über Ansichten aus Mügeln (Berliner Zeitung Online).
Wenn RassistInnen angreifen sorgt dafür, dass sie es nie wieder tun!
Der Hauptfeind ist das eigene Land, seine Fans, Verteidiger- und VertreterInnen!
“Die Hetzmasse bildet sich im Hinblick auf ein rasch erreichbares Ziel. Es ist ihr bekannt und genau bezeichnet, es ist ihr auch nah. Sie ist aufs Töten aus, und sie weiß, wen sie töten will. Mit der Entschlossenheit ohnegleichen geht sie auf dieses Ziel los; es ist unmöglich, sie darum zu betrügen. Es genügt, dieses Ziel bekannt zu geben, es genügt zu verbreiten, wer umkommen soll, damit eine Masse sich bildet.
Die Konzentration aufs Töten ist eine besondere Art und an Intensität durch keine andere zu übertreffen. Jeder will daran teilhaben, jeder schlägt zu. Um seinen Schlag führen zu können, drängt sich jeder in die nächste Nähe des Opfers. Wenn er nicht treffen kann, will er sehen, wie es von den anderen getroffen wird (…). Es ist ein leichtes Unternehmen und es spielt sich so rasch ab, dass man sich beeilen muss, um zurechtzukommen. Die Eile, Gehobenheit und Sicherheit einer solchen Masse hat etwas Unheimliches.”
(Masse und Macht, Elias Canetti, 1980)

